«Zur Geschichte des Schweizerischen Werkbunds SWB»
Von Leonhard Fünfschilling
Der Schweizerische Werkbund (SWB) umfasst acht Ortsgruppen und zählt zur Zeit rund 900 Mitglieder, die vornehmlich gestalterischen Berufen angehören. Den SWB gibt es seit bald 100 Jahren. Über ihn zu sprechen, heisst deshalb auch danach zu fragen, wie er entstanden ist und wie er sich entwickelt hat.
Ein Teil der Ideen und Motive, die 1907 zur Gründung des Deutschen Werkbundes (DWB) und sechs Jahre später des SWB geführt haben, reichen bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. Sie hatten mit der Frage zu tun, wie im Zeitalter der industriellen Produktion die alltäglichen Gegenstände bis hin zur Architektur zu gestalten seien. Dahinter stand das Erschrecken über den «Kulturzerfall», den die Industrie in den Augen der kritischen Zeitgenossen auf dem Gebiet der Gestaltung bewirkte. Gemeint war damit die eklektizistische Art und Weise, wie sich die damaligen Gestalter industrieller Produkte im Zeichen des Historismus der Formen bedienten, welche die Kulturgeschichte als Vorlagen bereit hielt. Mit anderen Worten: Die Industrie applizierte den maschinell hergestellten Gegenständen an Formen, was dem vorherrschenden Zeitgeschmack entsprach und sich verkaufen liess. Diese Haltung ist ja auch dem Industrial Design von heute nicht fremd, doch inzwischen liegt eine erfahrungsreiche Geschichte hinter uns, in der sich Industrie und Gesellschaft aneinander gerieben und weiter entwickelt haben.
Suche nach einem zeitgemässen Stil
Werfen wir also zuerst einen kurzen Blick zurück. Diese Geschichte hätte gewiss einen anderen Verlauf genommen, wäre sie nicht seit ihren Anfängen von grundsätzlicher Kritik seitens der gestalterisch Interessierten begleitet gewesen. Am einflussreichsten war anfänglich die englische Arts and Crafts-Bewegung. Ihr ging es um eine Wiederbesinnung auf die Qualität kunsthandwerklicher Meisterleistungen. Daran sollte sich die Gestaltung wieder orientieren, und zwar ohne die üblichen Rückgriffe auf den historistischen Formenschatz. Man ging davon aus, dass so auch zeitgemässe Vorlagen für die industrielle Produktion entstehen würden. Aus dieser Bewegung ist der Jugendstil hervorgegangen. Doch als die Industrie anfing, sich seiner zu bedienen, rief dies erneute Kritik auf den Plan: diesmal jene der Werkbundgründer, die sich vom Jugendstil abwandten. Ihrer Überzeugung nach konnte der allseits gesuchte neue und zeitgemässe Stil nicht gegen die Industrie, sondern nur mit dieser zusammen entwickelt werden.
In diesem Gedanken und seinem Niederschlag in unzähligen beispielhaften Industrieprodukten liegt denn auch der besondere Beitrag des Werkbundes zur Kulturgeschichte der Moderne im 20. Jahrhundert. Der Deutsche Werkbund hat damit schon vor dem Ersten Weltkrieg den Weg vorgezeichnet, auf dem sich in den Zwanzigerjahren entwickeln konnte, was wir heute als Moderne oder auch als Funktionalismus in der Gestaltung bezeichnen.
Zwischen Kunst und Industrie
Den Werkbünden ging es anfänglich darum, in ihrem Einflussbereich ähnliche Erfolge zu erzielen, wie sie die Arts and Crafts-Bewegung in England verzeichnen konnte. Dabei verfolgten sie sowohl kulturelle als auch wirtschaftliche Ziele: Mit einer «Veredelung der gewerblichen Arbeit» das erklärte Gründungsziel der im Werkbund zusammenwirkenden Künstler, Hersteller und Händler wollte man die Wettbewerbsbedingungen nationaler «Qualitätsarbeit» auf den internationalen Märkten verbessern; zugleich verband sich damit aber auch das Verlangen, das Leben als eine Art Gesamtkunstwerk zu organisieren.
Einige Höhepunkte dieser Bestrebungen in der Schweiz seien hier kurz angesprochen: Einen ersten bildete die Werkbundausstellung von 1918 in Zürich. Mit dieser vielbeachteten Veranstaltung wurde einem breiteren Publikum vorgeführt, wie sich die modernen Gestalter die künftige Wohnkultur samt Gartengestaltung vorstellten. Und zwar nicht nur die des kaufkräftigeren Mittelstandes, nein, man machte sich auch Gedanken über das Wohnen der Arbeiter und präsentierte ein Beispiel für ein Arbeiterwohnhaus im Massstab 1:1.
In der Zwischenkriegszeit agierte der SWB mit wechselndem Erfolg als Propagandist der inzwischen durch Bauhaus und Esprit Nouveau radikalisierten Moderne. Sein Name stand für «Neues Bauen», «Typenmöbel» und die Auseinandersetzung mit gegenläufigen Bestrebungen des «Heimatschutzes».
In den Fünfzigerund Sechzigerjahren machte sich der SWB unter dem Schlagwort «Die gute Form» mit international ausstrahlendem Erfolg für eine funktionale und ästhetische Optimierung des schweizerischen Industrieprodukts stark. Das lange anhaltende Interesse der Industrie an diesem «Gestaltungsdiktat» des Werkbundes erlahmte erst mit dem Wirtschaftsboom im Laufe der Sechzigerjahre. Auch im SWB selber stiess seine an der Mustermesse in Basel jährlich praktizierte Auszeichnung guter Formen zunehmend auf Kritik. 1969 wurde sie aufgegeben.
Nach der «guten Form»
Dringender erschien dem SWB jetzt die Auseinandersetzung mit Umweltfragen, vorab mit den Ursachen und negativen Auswirkungen des Bauwirtschaftsfunktionalismus, die als Krise der Stadtentwicklung, ja der Moderne schlechthin wahrgenommen wurden. Tagungen, Aktionen und Publikationen zu Problemen des Städtebaus, des Verkehrs, der Landschaft und dieszügliche Bildungsfragen wurden zu zentralen Werkbundthemen.
In den Siebzigerund Achtzigerjahren wandelte sich der SWB in seinem Selbstverständnis von einer Vereinigung von Gestaltern mit einer bestimmten kulturpolitischen Mission zu einem Forum der Reflexion über gestalterische Fragen. In einer Selbstdarstellung wurde festgestellt: «Der Werkbund geht davon aus, dass jedem verantwortungsbewussten Gestalten bestimmte Weltbilder (Theorien) zugrundeliegen Weltbilder, die in unserer sich zunehmend ausdifferenzierenden Kultur (...) stets von neuem erarbeitet werden müssen.»
Damit hat sich der SWB keineswegs von seiner Geschichte verabschiedet. Es kommt aber in solchen Formulierungen zum Ausdruck, dass für ihn die Zeit der normativen ästhetischen Urteile im Sinne der «guten Form» vorbei war. Gültig blieb, was für den Werkbund stets typisch gewesen war: dass er seine Themen und Fragestellungen nicht nur spartenoder fachspezifisch, sondern in interdisziplinären und gesellschaftlichen Zusammenhängen zu behandeln suchte. So konnten neue Entwicklungen jeweils aus einem breiteren Blickwinkel als nur etwa dem der einzelnen gestalterischen Berufsverbände hinterfragt, kritisiert und auch konkret unterstützt oder mit eigenen Projekten gefördert werden. Dies geschah weiterhin hauptsächlich im Rahmen von Tagungen, Seminaren, Publikationen, Tonbildschauen und Ausstellungen, wobei es auch immer wieder zur Zusammenarbeit mit Berufsverbänden und anderen Organisationen kam. So beispielsweise in den Achtzigerjahren, als der Werkbund kulturpolitisch besonders aktiv war und zu den Initianten und massgeblichen Verfechtern der Eidgenössischen Kulturinitiative gehörte, die sich für einen Kulturartikel in der Bundesverfassung einsetzte.
Neue Strategien und Perspektiven
In den letzten Jahren hat der SWB gerade auf dem Gebiet der fachlichen und intellektuellen Auseinandersetzung mit Fragen der Gestaltung spürbare Konkurrenz erhalten. Man denke an die Einführung der Fachhochschulen für Gestaltung und Kunst und den von ihnen gepflegten Gestaltungsdiskurs. «Kommt hinzu», wird in einem Strategiepapier des SWB festgestellt, «dass die Debatten über ‚verantwortungsbewusstes›, nachhaltiges, interund transdisziplinäres Gestalten längst nicht nur im Werkbund geführt werden, sondern in Fachzeitschriften, in Verlagen, an den Hochschulen, in verschiedenen «Szenen», die eben gerade nicht (wie der SWB) organisiert sein wollen, sondern ad hoc entstehen und wieder verschwinden. Mit dem erweiterten Leistungsauftrag der Hochschulen für Gestaltung und Kunst (HGK), der sie auch zu Forschung und Entwicklung verpflichtet, wird im Bereich Gestaltung (und Kunst) ein neues wissenschaftliches, theoretisches und professionelles Betätigungsfeld eröffnet und finanziert.»
Aus solchen Analysen der gegenwärtigen Situation hat der SWB inzwischen für sich selber Schlüsse gezogen. Neuorientierungen drängten sich auf verschiedenen Ebenen auf. Deutlicher akzentuiert werden soll künftig, was den Werkbund von einem Berufsverband unterscheidet: sein Selbstverständnis als kulturelle Vereinigung. Legitimiert durch die Kompetenz seiner Mitglieder, spartenübergreifend und mit Bezug zu Kultur und Gesellschaft diskutiert der SWB Gestaltungsfragen und mischt sich in aktuelles Geschehen ein, wo und wann es ihm nötig erscheint.
Ein ganzer Strauss von Massnahmen soll dazu beitragen, dieses gegenwärtige Selbstverständnis des SWB praktisch umzusetzen und ihm einen lebendigen Ausdruck zu verschaffen. Dazu gehört die Idee eines Netzwerkes seiner Mitglieder, das diesen unter verschiedenen Aspekten unmittelbaren Nutzen bringen soll, so etwa über einen Ausbau der internen Kommunikation (social networking). Und natürlich gehören Ideen zur Verbesserung des Aussenauftritts des SWB dazu. Neu definiert werden sollen schliesslich auch die Zutrittsbedingungen für neue Mitglieder.
Es bewegt sich also einiges, und man darf erwarten, dass dieses Geschehen dazu beitragen wird, den SWB als kulturelle Vereinigung professioneller GestalterInnen aktuell, attraktiv und damit als ein Forum der Gestaltung in der Schweiz auch zukunftstauglich zu erhalten.
Aus: Werk + Bund + Wohnen. Beilage zu Hochparterre 12/2003



